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Christus: „Aber es war kein Gott“

    Roter Dom  St. Marien, Delmenhorst

Inszenierter Text von Jean Paul in Sankt Marien

 

Von unserer Mitarbeiterin Sonja Schindler

 

D e l m e n h o r s t. Nebelschwaden wallen durchs völlig dunkle Kirchenschiff. Die Glocken dröhnen mächtig. Gespenstisch peitschen die Bäume gegen die hohen Kirchenfenster hinter dem Altar. Fahles gelbes Licht der Straßenlaternen stiehlt sich durch die Scheiben. Nur das Kreuz hoch über dem Altar taucht schemenhaft aus dem Nebel auf.

Wahrhaft gespenstisch war die Atmosphäre, die Johann Peter Eickhorst für sein Werk „am tage danach“ in St. Marien schuf. Grundlage für seine Inszenierung lieferte der 200 Jahre alte Text von Jean Paul: „Die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“. Der Text handelt von einem atheistischen Albtraum, den der Schreiber hat. Er träumt, daß er am Tag nach seinem Tod im einsamen Weltall Christus trifft. Alle aus den Gräbern gestiegenen Toten befragen Christus nach der Existenz Gottes. Christus antwortet: „Ich ging durch die Welten, flog auf den Milchstrassen durch die Wüste des Himmels, schaute in den Abgrund, rief: Vater wo bist du? Aber es war kein Gott“. Diese für einen Christen bedrohliche Situation wird aufgelöst durch das Erwachen des Träumenden. Er fühlt die Sonne auf seiner Haut und seine Seele „weinte vor Freude, daß sie wieder Gott anbeten konnte“

Der romantische Text des deutschen Dichters Jean Paul. Eigentlich Johann Paul Friedrich Richter, aus dem Jahre 1796 ist eine gespenstische, apokalyptische Vision. Schatten, die aus geöffneten Gräbern kommen, Erdbeben, Lawinen, die Kälte des Weltalls sollen die absolute Leere ohne Gott darstellen.

Mit optischen Effekten, dröhnender Orgelmusik, Glockengeläute und plötzlich einsetzender Stille inszenierte Johann Peter Eickhorst ein Schauspiel, das von dem rezitierten Text Jean Pauls getragen wurde. Kaplan Matthäus Niesmann las die Zeilen Jean Pauls von der Orgelempore in die dunkle Kirche hinein.

Musikalisch begleitet wurde er von Professor Wolfgang Mielke an der Orgel. Der Musikprofessor lehrt das Fach Improvisation an der Fachhochschule für Musik in Bremen. Für die Interpretation des Textes habe er nur die Registratur, also die Klangfarben der Orgel festgelegt, damit der Zusammenhang der Stimmung gewahrt bleibe, beschrieb er seine Technik. Die einzelnen musikalischen Stücke improvisierte er aus der momentanen Stimmung und der Struktur des Textes heraus.

Ein Jahr lang haben Johann Peter Eichhorst, Kaplan Matthäus Niesmann und Professor Wolfgang Mielke diese Inszenierung geplant, bis Optik, Musik und Text übereinstimmen. Eickhorst wollte mit seiner Inszenierung in totaler Dunkelheit eine starke nervliche Anspannung und Hilflosigkeit erzeugen.

Die Inszenierung des Delmenhorster Künstlers hat großen Anklang gefunden und wird am Karfreitag 1997 in St. Marien wiederholt.

 

Weser-Kurier    5. Novenber 1996

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