Zukunft mit Krebs und Tod

 

Reflexionen über Tschernobyl: Fotoinstallation von Eickhorst im Fabrikmuseum

 

Von unserem Mitarbeiter Stefan Oltsch


D e l m e n h o r s t.  Sie sehen aus wie Totenköpfe. Eigentlich eher wie Geister, bizarre Gesichter im Nebel. Der Delmenhorster Fotograf Johann Peter Eickhorst war in Rowkowitschi, einem kleinen Dorf in der Nähe des Unglücksreaktors Tschernobyl. 1996 hat er an einem Projekt internationaler Künstler gegen das schnelle Vergessen der Strahlenkatastrophe mitgewirkt und in dem weißrussischen Dorf fotografiert.

            Seine Bilder, stumme Zeugen der Katastrophe, die in dem Dorf allgegenwärtig ist, sind noch bis zum 3. Mai in der Nadelsetzerei des Fabrikmuseums auf
dem Nordwollegelände ausgestellt.

            „Während einer Malaktion in der Dorfschule fotgrafierte ich die betroffenen Kinder, deren Stille und Intensität mir heute noch gegenwärtig sind. Ihre stumme Anklage und gleichzeitige Lebensbehauptung trotz Strahlenschädigung und ungewisser Zukunft haben mich tief beeindruckt“, schreibt der Fotograf. Das wollte er in seinen Bildern festhalten.

            In einem abgedunkelten Raum, beleuchtet nur durch zwei nackte Glühbirnen, ist die Installation „echoes“ zu sehen: Die Portraits sind verfremdet, Eickhorst hat in Bildserien die Gesichter der Kinder mehr und mehr weichgezeichnet und den Kontrast intensiviert, so daß schließlich nur noch schemenhaft ein Gesicht zu erkennen ist – schleichender Verfall. Eickhorst nimmt den Gesichtern die Persönlichkeit, eine grobe Rasterung verstärkt die Empfindung der physischen und psychischen Zerstörung der Kinder in der verseuchten Umgebung. Zudem erinnert die Rasterung an Presse- oder Fernsehbilder – eine Anklage an die Kurzlebigkeit in den Medien im Gegensatz zur Langlebigkeit der Katastrophe. Eine bizarre, avantgardistische Musik begleitet den Betrachter – disharmonische Klänge mystisch arrangiert, mal verspielt doch meist beängstigend schüren unterschiedlichste Emotionen.

            Im Vorfeld  der Installation erwarten den Besucher dokumentarische Schwarz-Weiß-Fotografien. Gezeigt werden die Kinder in ihrem alltäglichen Leben, in der Schule, beim Malen, abwechselnd mit Aufnahmen aus dem Dorf: verlassene, Häuser, düstere Fabriken, verdreckt, vernagelt, ausgestorben. Kahle Bäume verstärken die Trostlosigkeit in dieser Region. Auch die von den Kindern und Jugendlichen gemalten Bilder werden dem Besucher auf Fotos präsentiert: Durchgestrichene Natur und düstere Fabriken – Kraftwerke – sind die Motive.

            Zwölf Jahre nach dem GAU nehmen die gesundheitlichen Schäden gerade bei den Kindern im Unglücksgebiet dramatisch zu. „Kinder sind viel stärker betroffen als Erwachsene, weil ihre Körper die hohen Strahlendosen viel schlechter abbauen können“, erklärt der Kernphysiker Wassily Nesterenko in einem Zeitungsartikel. Dieser Artikel, ausgehängt im Eingangsbereich der Nadelsetzerei, ist die einzige Dokumentation zu Eickhorsts Fotos – ansonsten sprechen die Bilder für sich. Und erzeugen unterschiedlichste Empfindungen. Hans-Hermann Precht, wissenschaftlicher Leiter des Museums, ist sichtlich erschüttert. Der Gedanke beängstigt, daß Kinder und Jugendliche, die auf so vielen Fotos eine starke Persönlichkeit ausstrahlen, in eine ungewisse Zukunft blicken, geprägt von Krebs und Tod. Auch einigen Besuchern fehlen die Worte: Was immer die Bilder in den Augen der Betrachter auch auslösen, allein das Wort „Tschernobyl“ ist es, das Angst auslöst. „Schließlich haben wir die Angst hier vor zwölf Jahren selbst erlebt, als wir rannten, um die Sandkisten unserer Kinder abzudecken“.

 

WESER KURIER   vom 14.04.1998

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